Was gesagt werden muss

Ist das nicht ein lächerlicher Irrsinn, der da gerade vorgeht? Normalerweise, wenn es um politischen Protest geht, heißt es doch immer: Das müssen mal Menschen zur Sprache bringen, die etwas zu sagen haben. Deren Wort Gewicht hat. Und deren Ruf dann vermeintlich nicht auf ewig demoliert ist, nur, weil sie zu ihrer Sache stehen. Ganz egal, ob sie in ihrem Leben auch Fehler gemacht haben, oder nicht.
Dann passiert vor drei Tagen genau das. Günter Grass veröffentlicht am 4. April 2012 “gealtert und mit letzter Tinte” ein Gedicht, das all das hervorbringt, “was gesagt werden muss”. Und er wird dafür geprügelt wie ein Hund. Von deutschen Meinungsträgern wie Henryk M. Broder, Matthias Döpfner und Josef Joffe als Antisemit, verkappter Nazi und Schlimmeres bezeichnet. Weil er die Bigotterie Israels zur Sprache bringt. Nein, wie verwerflich!

Freilich, Grass schlägt in seinem Gedicht einen extrem provokanten Ton an, das ist nicht zu bestreiten. Einen Hassprediger wie Ahmadinedschad als Maulhelden zu bezeichnen, grenzt fast an den Superlativ der Verharmlosung. Aber – bei allem was Recht ist – wir reden hier von Literatur! Literatur provoziert seit Jahrhunderten. Ihre Kunst ist die Zuspitzung, ihr Wert, dass man eben darüber diskutieren kann. Grass aber ist kein Politiker, er ist es nie gewesen. Als Literat hat er das Recht das zu sagen, was vielleicht jeden Politiker den Kopf kosten würde. Abgesehen davon wüsste ich auch nicht, seit wann man hinter dem lyrischen Ich mit Fug und Recht den Autor vermuten dürfte. Und selbst wenn: Er muss nicht dieser meinungslose Diplomat sein, ja, er muss als Autor nicht einmal die Wahrheit schreiben. Und doch hält er sich an die Fakten.
Bis heute ist nicht bewiesen, dass Iran an einem Atomwaffen-Programm auch nur arbeitet. Dagegen ist sehr klar und schon seit Jahren bekannt, dass Israel über diverse Atomwaffen verfügt und nun ein atomwaffenfähigen U-Boot noch hinzukommen wird. Mehrfach und erst kürzlich in Washington hat Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in einer Rede versichert: “Niemand von uns kann es sich erlauben, viel länger zu warten.” Ich weiß ja nicht, wie Andere das sehen, aber für mich ist das eine eindeutige Legitimation für einen Präventivangriff Israels gegen den Iran.

Dafür, dass er es wagte das zu sagen, wird Grass jetzt gegeißelt. Wie abenteuerlich, wie weltfremd! Es ist eben doch noch immer so, wie Grass selbst sagt:

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Wer sich im Jahr 2012 – also 67 Jahre nach Kriegsende – nicht schambedeckt einen deutschen Staatsbürger nennt und es wagt ein kritisches Wort gegen das Land zu richten, das gerade dabei ist einem potentiellen Krieg einen ganz sicheren vorne anzustellen, wird als Rechtsradikaler verbrämt. Sicher, es ist die leichteste Lösung von allen. Aber eben auch die armseligste.

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