Muammar al-Gaddafi

Muammar al-Gaddafi

So schnell geht es vom eitlen Diktator zum toten Flüchtling. Doch der Tod Gaddafis ist für die, die ihn bekämpften, die größte Niederlage. Quellen: Youtube/Wikipedia

Jetzt ist er tot, der große Diktator. Ermordet in der Stadt, in der er im Jahr 1943 geboren wurde und die seine letzte Hochburg in Lybien war, Sirte. Offenbar war Gaddafi von Rebellen überrascht worden, als er aus Sirte heraus einen Aufstand mit einer geheimen Miliz anleiten wollte. So weit zumindest die Bild-Zeitung. Sein Geheimversteck  war gefunden worden und gegnerische Soldaten hatten seinen Autokonvoi auf dem Weg nach Misrata beschossen. Schüsse in Kopf und Bauch haben den ehemaligen Machthaber dann offenbar getroffen, als er schon festgenommen war. Man setzte ihn auf einen Van, schleifte ihn über den Boden und hielt seinen blutüberströmten Kopf in Kameras. Wie und zu welcher Uhrzeit Gaddafi nun genau starb, ist bislang unklar, doch daran, dass Muammar al-Gaddafi heute am 20. Oktober 2011 “durch die Hände der Revolution getötet wurde”, daran lässt Abdel Hafes Ghoga, der Sprecher der neuen lybischen Führung, keine Zweifel aufkommen. Und genau das ist das Problem.

Der falsche Weg

Denn es ist ein bisschen wie bei Osama bin Laden. Nur ein bisschen, weil wir hier über ein Volk sprechen, das seinen eigenen diktatorischen Machthaber getötet hat, nicht über einen fremdem Staat, der den geistigen Mentor einer Terrororganisation liquidierte. Doch die feige Art und Weise zu töten bleibt die gleiche. Denn wenn Abdul Hafes Ghoga von einem “historische[n] Moment” spricht, weil Gaddafi nun getötet wurde und dieser “das Ende der Tyrannei und der Diktatur” bedeuten soll, dann ist das durchaus eine Behauptung, die man hinterfragen sollte. Die Frage, ob eine Bürgerarmee, unterstützt von Truppen der NATO so auf einen Diktator reagieren muss, wie er einst agierte, drängt sich geradzu auf.

Gaddafi – das Negativbeispiel

Gaddafi zeigte Jahrzehnte lang in Lybien, dass er sich für unverbesserlich und unhinterfragbar hielt. Mit seinem Rassismus, ja Antisemitismus hat er unzählige Menschen zu seinen Knechten gemacht, sie dafür ermordet oder besser gesagt ermorden lassen, wenn sie seinen Plänen im Wege standen oder auch nur öffentlich eine Meinung äußerten, die ihm zuwider war. Im Jahr 1996 beispielsweise ließ er mehr als 1000 Häftlinge im Gefängnis von Abu Salim abschlachten, weil sie gegen erbärmlichste Haftumstände protestierten.
Dass solche Handlungen legitimiert waren, solange er sie in Auftrag gegeben hatte, stellte nicht nur Gaddafi selbst nicht infrage, seine Getreuen taten es auch nicht, solange sie auch nur die geringste Hoffnung auf einen Machterhalt in Lybien hatten. Kaltblütigkeit, absolute Härte und Brutalität waren ja bis in Jahr 2011 hinein immerhin auch stets wirksame Waffen zur Abschreckung von Revolten gewesen. Zudem war Gaddafi ein sehr reicher Mensch, der neben Gold- auch sehr lange Zeit über Geldreserven in Milliardenhöhe verfügen konnte. Diese beiden Dinge hatte der Tyrann also zu bieten: Macht und Geld. Und das reichte, um diejenigen zu kaufen, die Gewalt für ihn ausübten.

Stirb oder stirb!

Der nationale Übergangsrat, die Revolutionären, die Aufständischen, die Rebellen – wie immer man sie auch nennen mag – sagen sich ja von so etwas los. Gewalt, Macht und Geld stehen für sie nicht im Vordergrund. Geld haben sie nur angenommen, weil ihre Ausrüstung überaltet und gegen Gaddafis Technologien chancenlos gewesen wäre. Macht in Form der Anerkennung durch die UNO und die Unterstützung der NATO waren auch nur Mittel zum Zweck, ein notwendiges Übel, ohne das es eben nicht gegangen wäre, mit dem Sieg gegen Gaddafi. Die eigenen Truppen waren einfach zu spärlich und politisch war die Revolution eben zu lange ohne Stimme gewesen. Und freiwillig hätten sie sich eben auch nicht ergeben, die Soldaten des großen Diktators, deswegen war es auch mit der Vermeidung der Gewalt nicht so einfach.
Das mag ja auch alles stimmen – doch weshalb muss man Gaddafi deshalb persönlich töten? Damit statuiert man kein Exempel. Im Gegenteil zeigt man damit doch erst, dass man ihm, der für den Tod so vieler Menschen verantwortlich ist, auch nicht eingesteht, was er so vielen Menschen verweigert hat – das freie Wort, und sei es im Gefängnis. Im Gefängnis wäre er ohne Ehre gewesen. Die ganze Schande seines Regimes hätte offenbar werden können. Man hätte verhindern können, dass Gaddafi zum Märtyrer wird, der für seine Sache gestorben ist.  Doch man hat es verpasst zu zeigen ‘Wir sind anders. Ganz egal wie viele Menschen Gaddafi hat töten lassen, wir sperren ihn ein und bringen ihn nicht um, weil wir wirklich ein besseres Lybien ohne Gewalt wollen’. Das wäre tatsächliche Größe gewesen. Doch so ergibt sich gleich wieder ein fader Beigeschmack. Was wird die ‘neue Regierung’ denn nun wirklich bringen? Wird es weniger Gewalt geben, nur, weil Gaddafi jetzt tot ist? Weil man ein Symbol des Bösen getötet hat?
Oder lebt die Gewalt in Wahrheit weiter und man hat nur ihren einstigen Befehlshaber ausradiert? Die Antwort ist einfach, denn sie wurde in Pakistan ja bereits gegeben. Allein weil Osama bin Laden dort getötet wurde, gab es zahlreiche Anschläge und weitere von Al Quaida werden folgen. Weil man das Böse auf der Welt nicht beseitigen kann, indem man einen besonders bekannten Namen aus der schwarzen Liste streichen kann. Ein Mord an einem Diktator, einem Terroristen ist mehr Zeichen der Hilflosigkeit, als es jede andere Handlung sein könnte. Es ist geradezu eine Demonstration der Unfähigkeit besser, fairer oder auch nur menschlicher mit einer Person umzugehen, die die Menschen mit all  ihrem Hass und Egozentrismus unterjochte. Und die ranghohen Verantwortlichen wissen das auch. Doch sie vertuschen es, damit die Öffentlichkeit ist beruhigt ist und feiert. Denn sie hat ja nichts verloren, außer ein kleines bisschen Unschuld. Doch davon will sie nichts wissen – bis es sie dann mit voller Wucht trifft.

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2 Antworten auf Muammar al-Gaddafi

  1. Boris sagt:

    Eigentlich hat nur der Westen mal wieder seinen Hals aus der Schlinge gezogen, die ein Prozess gegen Gaddafi wohl für ihn gewesen wäre. Unsere Regierung hat ihn zu lange gestützt und die Wähler werden es ignorieren können. Happy End oder?

    • Markus Mertens sagt:

      So muss man es wohl leider nennen. Da wird ein Diktator systematisch mit aufgebaut und wenn es dann zu brenzlig wird, distanziert man sich und bläst mit der Revolution ins Horn, wenn er dann tot ist. Wie erbärmlich, dass heute in der Politik nur noch nach dem Schema ‘Hauptsache keine Verantwortung übernehmen’ gehandelt wird.

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