Lea

Lea: Das sensible Psychogramm eines Rationalisten

„Van Vliet schwieg eine Weile und sagte dann etwas, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, weil eine Furchtlosigkeit des Denkens daraus sprach, die Teil seines Wesens war: ‚Das Erlebnis der inneren Flüssigkeit – es verdankt sich der quecksilbrigen Flüssigkeit des Wechsels und der Virtuosität, mit der wir alle Brüche sofort wegretouchieren. Und diese Virtuosität ist um so größer, als sie nichts von sich weiß.‘“

Dieses Zitat entstammt nicht der ersten Seite, auch nicht der letzten Seite von Pascal Merciers Roman „Lea“. Es könnte, mit all seiner Reflexion, an jeder Stelle des Romans stehen. Denn streng genommen geht es in „Lea“ eigentlich nur um Retusche, und zwar permanent.
Da treffen sich zwei Männer – ehemalige Koryphäen, jeweils auf ihrem Gebiet. Auf der einen Seite: Adrian Herzog, einst hochgejubelter Starchirurg. Auf der anderen Seite: Martijn van Vliet, einst Professor für Biokybernetik mit eigenem Institut und Zugriff auf Forschungsgelder in Millionenhöhe. Diese Millionen werden ihn später ins Gefängnis bringen. Doch davon wissen wir noch nichts.
Van Vliet und Herzog haben das Schlimmste schon hinter sich, wenn wir als Leser einsteigen. „Das könnte eine ungemütliche Fahrt werden“, möchte man denken. Doch es ist das Gegenteil. Große Stille herrscht, als sich beide in Südfrankreich zum ersten Mal begegnen. Eine Begegnung, die nur zufällig sein kann. Warum sich van Vliet oder Herzog in Frankreich aufhalten, erfahren wir nicht. Es interessiert auch nicht. Aber wenn man sich schon über den Weg läuft, kann man auch ein paar Meter zusammen gehen. Zu verlieren haben sie doch ohnehin nicht mehr viel.
Herzog ist geschiedenen, das Verhältnis zu seiner Tochter Leslie sehr reserviert. Einen richtigen Vater hat sie in ihm nie gesehen. Angstattacken, die er sich nie erklären konnte, lähmten ihn während der Operation, die seine letzte werden sollte. Auch van Vliet ergeht es nicht viel besser. Seine Frau Cécile ist längst tot, dem Krebs erlegen. Und nun ist er allein mit Lea. Als van Vliet später auf seinen neuen Freund trifft, wird Lea bereits gestorben sein. Gestorben in ihrem Wahn, den sie nie befriedigen konnte. Aber so weit sind wir noch nicht.

Die Leiden eines Mädchens

Denn noch lebt die kleine Lea. Aber sie kann es nicht ertragen, dass ihre Mutter gestorben ist. Immerhin hat sie doch durch sie stets die Wärme und die Liebe gespürt, die einem kleinen Mädchen zu Teil werden sollte, wenn es aufwächst. Martijn van Vliet war die Verantwortung eines Kindes immer zu groß, er wollte lieber keine Kinder haben. Und nun steht er allein da, der Rationalist. Der Mensch, der in der Biokybernetik seine Profession gefunden hat, und hat sie plötzlich, die Verantwortung – ganz alleine.
Die feurige Leidenschaft, die seine Frau trieb; sie fehlt dem Vernunftsmenschen Martijn van Vliet, der den Fakten mehr vertraut als seinen Gefühlen. Vielleicht liegt es gerade daran, dass er an der unendlichen Traurigkeit und den leeren Augen seiner Tochter zuerst nichts ändern kann, er konstatiert sie nur. Und trotz allem versucht er sich seiner Aufgabe zu widmen, mit all dem Herz, das er aufzubringen in der Lage ist. Doch erst der Zufall kann die Lücke tatsächlich ausfüllen.
Denn als Lea eines Tages mit ihrem Vater durch einen Bahnhofsgang geht und sie plötzlich die zarten Geigenklänge von Loyola den Colón hört, ist es um sie geschehen. Es ist nicht „die Musik“ als Ganzes, es ist die Geige, die Lea in ihren Bann zieht. Die erste Geige folgt wenige Tage später, der erste Unterricht unverzüglich. Plötzlich ist der Glanz in Leas Augen wieder zu erkennen. Van Vliet ist überglücklich und nähert sich der Kunst an, die ihm einst so fern war. Doch sich in Musik zu verlieren, kann eben mehr heißen, als gedanklich darin zu versinken. Am Ende wird Lea ihre Schlacht gegen die Musik verlieren, ohne sich die Niederlage eingestehen zu können. Doch ihr Vater wird bleiben. Er wird Adrian Herzog, einem Mann, der ihm zuvor völlig unbekannt war, seine Lebensgeschichte erzählen. Warum er vor Gericht gestellt wurde, wie er seinen Job verlor und warum er Lea auch damit am Ende nicht mehr helfen konnte. Beide werden sich Tage und Nächte um die Ohren schlagen und sich von Ereignissen erzählen, die wir vielleicht nicht einmal unseren engsten Vertrauten offenbaren würden. Und doch wird das Psychogramm des Martijn van Vliet nichts an seiner Authentizität verlieren und durch seine emotionale Tiefe stets seine Strahlkraft behalten.

Die Kunst des Details

Dabei ist es bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit der Leser sich plötzlich in die Geheimnisse der Welt der Klassischen Musik eingeweiht sieht. Ich persönlich habe speziell  ihrem von den berühmten Geigenbauern dieser Welt, ihren Meisterstücken und deren unterschiedlichen Klang vor der Lektüre dieses Buches herzlich wenig verstanden. Doch peu à  peu fühlte ich mich ganz, als könne ich mitreden, wissen, wie sich ein Geiger fühlen muss, wie er sein Instrument spielt und welches er zu kaufen anstrebt. Das ging sogar so weit, dass ich dachte, ich könnte doch ebenso gut wie Lea entscheiden, welche Geige sie sich kaufen sollte.
Ich bin von einem überzeugt: Dass ich mich mit den Figuren und ihren Eigenarten samt den Metiers, in denen sie sich befinden, so gut identifizieren kann, liegt vor allem an der Detailversessenheit des Pascal Mercier. Wo stets Vorsicht geboten ist, nicht zu übertreiben, vermag Mercier sich nahezu blind auf das richtige Ziel zuzubewegen. Dass seitenlange Zustands- oder Objektbeschreibungen eben nicht grundsätzlich tiefer blicken lassen als sehr nüchterne – darüber ist sich Mercier vollkommen im Klaren. Jedoch die emotionalen Gefühlszustände seiner Figuren in ihrer ganzen Fragilität präzise zu beschreiben, die wuchtige Wirkung eines überladenen Raumes einzufangen oder nahezu unbeschreibliche Musik textlich greifbar zu machen – das beherrscht Mercier mindestens ebenso gut wie seine Lea das Geigenspiel.

Die Seelenverwandschaft vermeintlich Fremder

Was „Lea“  dabei so verwirrend und gleichsam mitreißend macht, ist nicht nur die Art Herzogs subjektive Erzählungen mit van Vliets direkter Rede zu kombinieren, sondern auch dabei die Intensität der Erzählung nicht zu mildern. Keiner nimmt dem anderen etwas weg, Herzog van Vliet nicht und auch van Vliet Herzog nicht. Jeder kommt zum Zuge und jeder hat seine eigene Geschichte; und von beiden dürfen wir erfahren. Der Zauber, der die beiden Protagonisten erreicht hat und innerhalb kürzester Zeit zu Seelenverwandten macht, erreicht auch uns. „Ich war noch keine drei Tage mit dir zusammen, und es wunderte mich kein bißchen, daß nichts anderes in Frage gekommen war“, sagt Herzog über van Vliet. „Ich war noch keine 260 Seiten mit euch zusammen, und es wunderte mich kein bisschen, dass für euch nichts anderes in Frage gekommen war, als so zu sein wie ihr seid“, sage ich über van Vliet und Herzog. Und glauben Sie mir – ich habe Grund dazu.

Pascal Mercier: Lea

Taschenbuch
btb-Verlag
256 Seiten

Gemeinhin wird Lea als Novelle verstanden. Ich habe die Argumentation dafür nie verstanden. Es darf also nicht verwunderlich stimmen, dass ich von “Lea” als einem Roman spreche. Diese Gattung trifft es für mich einfach besser.

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