Die Gladiatoren des 21.Jahrhunderts

Wir nennen sie die Gladiatoren des 21. Jahrhunderts. Diese Menschen, die Autorennen fahren und Tore schießen, den Gienger-Salto am Reck beherrschen oder 100 Meter in weit weniger als 10 Sekunden laufen. Weil wir dazu nicht fähig sind und diesen ‘Heldentaten’ im Fernsehen daher nur bewundernd unseren Tribut zollen können. Wir glauben, dass das richtig so ist, weil Beachtung verdient, was nur die wenigsten zu Wege bringen. Und  vielleicht ist das sogar so. Doch die Stars dieser Zeit sind zahme Tiger und keine Gladiatoren. Heute hetzen sie sich im Stadion ab, um ihre Medaille zu gewinnen, Rekorde zu brechen, in die Nachrichten zu kommen und sich danach bei der nächsten Gala in Abendkleid und Maßanzug zu präsentieren. An und für sich wäre das nicht einmal schlimm. Aber morgen haben sie schon wieder vergessen, wo sie gestern waren und was dort, wo sie waren, eigentlich sonst geschieht. Ich meine außer ihnen. Das aber ist genau der Punkt: Es geht ihnen um nichts, als sich selbst und den persönlichen Erfolg. Nicht um Ehre, Menschlichkeit oder irgendwelche Werte wie jenen, die einst mit dem Schwert wirklich ihr Leben verteidigen mussten. Das sind keine Gladiatoren. Das sind fiepende Mäuse.

Wer, wenn nicht die Stars?

Dieser Tage dürfen wir es bei der Fußball-Europameisterschaft ja wieder aufs Plakativste betrachten. Wie Fußball gespielt wird, während in der Ukraine politische Gefangene gefoltert werden, ja  vielleicht sogar ihr Leben lassen. Von der ehemaligen Ministerpräsidentin der Ukraine, Julija Tymoschenko, die noch immer ausgezehrt im Krankenhaus liegen muss, während sechs Kilometer von ihrem Bett entfernt arglos der Ball rollt, gar nicht zu sprechen. Allein, es kümmert keine Menschenseele. In ZDF und ARD lächeln einen zum Mittag noch fröhlich die ukrainischen Bergmänner aus Donezk in die Kamera, die von ihrer Frau mit leckerem Borschtsch bekocht werden. Dann noch ein bisschen musikalische Folklore gemischt mit traditionsgetränkter Stadt- und Landkunde, ein, zwei Telenovelas und dann ist der Sende-Nachmittag auch schon vorbei und das abendliche Spiel kann mit epischer Vor- und Nachberichterstattung live übertragen werden. Mit viel Glück erwischt man um 1 Uhr nachts dann mal eine dieser kurzen unangenehmen Dokumentationen, die sich tatsächlich trauen ein politisch kritisches Statement abzugeben. Und dann ist der Sendetag auch schon wieder vorbei. Hurra. Das ist Hintergrundrauschen, nicht mehr.
Aber die einzigen, die es ändern könnten – die Sportler nämlich – machen gute Miene zum bösen Spiel. Man wolle sich ja schon auf den Sport konzentrieren, hatte Bundestrainer Joachim Löw vor der EM noch lauthals verkündet. Seine Zöglinge plapperten es ihm eifrig nach. Als wäre das so einfach für einen Menschen, der sich in seinem Leben für mehr als nur Fußball interessiert. Die Nationalmannschaft hatte es wenige Tage zuvor mit ihrem Besuch im KZ Auschwitz doch selbst noch bewiesen. Aber das war dann schon wieder aus dem Sinn, oder sollte es zumindest sein. Denn man möchte ja kein Störer sein, der seine Stimme nutzt, um sich für Menschen stark zu machen, von denen man selbst nicht profitieren kann. Als Oliver Bierhoff presseöffentlich die UEFA für ihre Passivität der Ukraine gegenüber kritisieren, das geht. Als DFB selbst auszuloten was man aktiv zur Verbesserung beitragen könnte, das geht scheinbar nicht. Weil es nicht interessiert oder zu aufwändig erscheint. Und genau das kann ich nicht verstehen.

Der kleine große Unterschied

Zu Mode, Beziehungsfragen, den besten Diskotheken und Urlaubsorten geben sie gerne seitenweise Auskunft in Klatschblättern, der BILD oder den bunten Promi-Magazinen auf RTL und Co. Das pusht ihr Image-Barometer ja auch immer schön nach oben. Alles andere, was nachdenklich stimmen und das sinnliche Bild des erotischen Beaus schmälern könnte, scheint ihnen viel zu riskant, obwohl eine Veränderung doch so nahe wäre. Ein Mario Gomez könnte sich zu allem äußern und fände gewiss sogar Gehör damit. Aber das könnte schmerzen und deswegen lässt man es lieber bleiben. Weil es leichter scheint und kein Risiko immernoch das beste Risiko ist. Ich frage mich nur: Wer soll es in diesen Tagen denn sagen, wenn nicht diese Stars? Wenn es weder die UEFA noch die Ukraine kümmert, dass die deutsche Politik samt und sonders allen Vorrunden-Spielen fern bleibt, wer kann dann noch etwas sagen, das ernsthaft ins Gewicht fiele? Niemand. Und genau deswegen ist das Schweigen der Sportler so unerträglich. Weil sie für das, was sie vielleicht als einzige erreichen könnten, nicht eintreten. Aus dem Augen, aus dem Sinn. Auf nimmer Wiedersehen! “Wir müssen uns auf den Fußball konzentrieren”, heißt es dann. Ja, natürlich. Sonst könnte man sich ja auch mit den Realitäten befassen.

Ein globales Problem

Aber es trifft diese Welt ja schon seit geraumer Zeit mit dieser Härte, nicht erst seit die EM begonnen hat. Ob man die Olympischen Spiele 2008 in Peking, die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, den diesjährigen Formel 1-Grand Prix in Bahrain oder den zum Volkssport gewordenen Eurovision Song Contest in Aserbaidschan betrachtet – von überall her sind es die ewiggleichen Beispiele. Überall werden Menschenrechte auf Ärgste mit Füßen getreten. Selbst als mäßig Interessierter Medien-Konsument hat man von diesen Schwierigkeiten schon einmal gehört. Und trotzdem interessieren sich die Sendeanstalten und Zeitungen nur für die Show, wenn die Weltöffentlichkeit ein Mal in vielleicht 20 Jahren wirklich hinsieht. Das ist dann ein kurzer Augenblick des Innehaltens, man schaut des großen Spektakels und zieht dann schon wieder weiter.
Sicher, es gibt Ausnahmen, bei denen auch ernsthaft versucht wird und wurde den Finger in die Wunde zu legen. Aus China beispielsweise berichtete vor vier Jahren ein couragierter Johannes Hano für das ZDF, der wochenlang kein Risiko scheute, die hässliche Wahrheit des kommunistischen Regimes ans Licht zu bringen. Die ZEIT veröffentlichte drei Tage vor dem Grand Prix in Bahrain einen aufrüttelnden Leitartikel gegen das Wüsten-Rennen und aus Baku versuchten Stefan Niggemeier und Lukas Heinser in ihrem Bakublog der gnadenlosen Verklärung dieses Wettbewerbs wenigstens ein bisschen entgegenzuwirken. Ein Teilnehmer positionierte sich aber auch hier nie öffentlich gegen die jeweilige Obrigkeit. Und wenn er es tun wollte, hatten die Medien wieder kein Interesse. Dass sich beispielsweise die Siegerin des Eurovision Song Contests, Loreen, wenige Tage vor dem Spektakel mit Oppositionellen traf, erfuhren nur jene, die bereit waren im Netz ganz tief zu graben. Das blütenreine Hemd war es dann eben doch weder den Medien noch den meisten Akteuren wert die bösen Wahrheiten einmal auszusprechen. Genau daher ist Baku heute auch schon wieder vergessen. Aserbaidschadan interessiert bereits niemanden mehr. Es ist zu spät. Dort wird sich ebensowenig etwas ändern wie in China, Bahrain oder Afrika, wenn von den großen Kämpfern nichts kommt und die wenigen kritischen Medienberichte alles bleiben. Sie allein sind nur billige Randnotizen, die vergilben und weitgehend ungehört verhallen. Sie hungern nach der Aufmerksamkeit der wirklich großen Stars, ohne die sie nur ein Schatten sind. Und solange die Sportler so tun, als könnten sie sich fein raushalten, nur weil sie für ihre körperliche Ertüchtigung und nicht fürs Politik machen (teilweise) fürstlich entlohnt werden, wird das auch so bleiben.
Dann will ich in Zukunft aber bitte auch keine Dossiers mehr über Spielerfrauen oder exklusive Homestories aus den Traumhäusern von Sportlern dieser Welt sehen. Denn wenn es nur um den Sport gehen soll, dann bitte konsequent, ihr feschen Gladiatoren.

 

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