Das stinkt zum Himmel

Das Problem an diesem Pferdefleisch-Skandal ist nicht, wie Menschen sich nun empören, dass sie Pferd vorgesetzt bekommen, wo Rind draufsteht. Das Problem ist das gehypte Getue, das dieses Thema einmal mehr zu so derartiger Unkenntlichkeit aufbläht, dass nichts mehr davon übrig bleibt als Hetze. Nun schreien alle: Hängt sie an den Galgen – und wenn die Verantwortlichen dann hinter Gittern oder zumindest pleite sind, ist alles wieder prima. Dann kann endlich wieder mit reinem Gewissen eingekauft werden. Als wäre nichts gewesen. Denn die Sensationsberichterstattung ist dann ja wieder vorbei und ich muss keine Angst mehr haben. Schön wär’s.

Das Versagen der Politik

All das bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Denn der wutlustige Bürger, der von den Medien aufgehetzt wird, muss ja auch wieder beruhigt werden. Und so ist einmal mehr die Zeit der haltlosen Heilsversprechungen in der angeblichen Null-Toleranz-Politik gekommen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach erzählt dem Focus er sei der Meinung das Bundeskriminalamt müsse eingeschaltet werden, die hessische Verbraucherschutzministerin Lucia Puttrich kündigt an, dass nun viel höhere Strafen und mehr Kontrollen folgen werden und Ilse Aigner legt bei ihrer gestrigen Vorstellung des neuen Aktionsplans nach: “Dafür sind ja auch die Kontrollen da, dass wir lückenlos alles auf den Tisch legen und aufklären.” Man wäre ja vermutet ihr das sogar zu glauben – wenn sich die guten Worte in der Vergangenheit nicht schon so oft in Wohlgefallen aufgelöst hätten. Und das nicht nur bei der CSU-Ministerin, sondern bei Politikern aller Fraktionen. Völlig egal, ob man nun den BSE-Skandal (2003/2004), die Vogelgrippe (2009), die Schweinegrippe (2009/2010), den Dioxin-Skandal (2010) oder den EHEC-Skandal (2011) nimmt – immer wurde viel Aufklärung versprochen und wenig gehalten. Jetzt, genau jetzt, müsse sich doch wirklich endlich mal etwas ändern, war da stets zu hören. Und das, obwohl man genau wusste, dass das Personal, um mehr Kontrollen durchzuführen, doch überhaupt nicht vorhanden ist, noch nie vorhanden war und vielleicht auch nie vorhanden sein wird. Das ist der eigentliche Skandal, denn da sind Menschen an der Macht, denen man professionellerweise doch unterstellen müsste, dass sie das Wohl der Bürger im Sinne haben und die sich in Wahrheit immer wieder in Ausflüchte retten. Doch schlimm findet das die Mehrzahl der Verbraucher in den seltensten Fällen. Mit der bloßen Ankündigung, man würde etwas tun, gibt sich der Bürger am Ende ja doch meist zufrieden. Und genau das ist das Problem.

Auch wir sind Schuld

Denn solange das Kilo Schweineschnitzel noch unter 5 Euro zu haben ist, stellt man eben doch lieber nicht zu viele Fragen. Sonst müsste man ja noch ernsthaft die eigene Ernährung hinterfragen und für den täglichen Fleischgenuss auch noch tiefer in die Tasche greifen – und das wollen wir ja schließlich nicht. Noch immer sind dabei diejenigen, denen eine kontrollierte Tier- und sonstige Nahrungsmittelzucht (und zwar völlig egal, ob BIO oder nicht) so wichtig ist, dass sie dafür bereit sind mehr zu bezahlen, in der deutlichen Minderzahl. Die meisten Deutschen wollen viel Fleisch für wenig Geld. Dass man mit solchen Gesinnungen aber selbst dem gewissenhaftesten Politiker den ernsthaften Einsatz für Reformen unmöglich macht, wissen die Bürger entweder nicht, oder es interessiert sie zumindest nicht. Dass Tiere auf winzigstem Raum leben, eine Vielzahl an Medikamenten und Hormonen gespritzt bekommen, die später auch im Fleisch enthalten sind, vielleicht nie das Tageslicht sehen und mit ein wenig Pech noch vor der Schlachtung totgequetscht werden. All dies Zustände, die der Autor Jonathan Safran Foer so und noch viel schlimmer in seinem Buch “Tiere essen” bereits 2009 festgestellt hat. Aber so muss es laufen, denn sonst gibt es kein Kilo Schweineschnitel für 4,99 Euro. Schlimm daran ist, dass das so selbstverständlich geworden ist, dass die Öffentlichkeit sich nie dauerhaft mit solchen Themen auseinandersetzt, sondern all das nur aufkocht, wenn es einmal mehr einen Skandal gibt, bei dem dann alle artig sagen: Man muss etwas tun. Jetzt und sofort.
Stimmt ja auch – es muss etwas getan werden, aber vor allem an unserer Einstellung. Denn wenn wir dieser Tage Fleischproduzenten – wo immer sie auch herkommen – anprangern, sollten wir uns gut überlegen, ob nicht ein großer Teil der Schuld auch bei uns liegt. Denn sie liefern uns, was wir haben wollen. Mit den falschen Mitteln, klar, aber weil es eben scheinbar anders zu den Preisen, die wir bezahlen wollen, nicht zu machen ist. Und dass wir das nicht einsehen wollen und stets brav von uns wegschieben, ganz als seien wir die großen Opfer – das stinkt zum Himmel.

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