Benyamin Nuss

Ein Mann wie eine Feder

Benyamin Nuss im Emmerich Smola Saal in Kaiserslautern. Bild: Markus Mertens ©

Benyamin Nuss ist erst seit zwei Tagen aus Tokio zurückgekehrt, als er in Kaiserslautern sein Gastspiel hat. Ein weiter Weg, der Jetlag müsste ihm noch in den Gliedern sitzen. Doch man merkt es ihm nicht an. Er sitzt im Emmerich Smola Saal, als ich ihn treffe. Das SWR-Studio ist kaum eine Tür weiter. Der schier unendliche Raum, der in helles Holz gekleidet ist, bietet mühelos ausreichend Platz für einen hundertköpfigen Chor und ein Symphonieorchester. An diesem Abend sitzt der 21-jährige Pianist, der in Bergisch Gladbach seine Wurzeln hat, ganz allein im Scheinwerferlicht – das Instrument, mit dem er überzeugen will: ein pechschwarzer Flügel von Steinway. Was er vorhat? Sein Geheimnis.

Ein junger Mann, ganz bei sich

Gefragt, ob er eigentlich schon immer Pianist werden wollte, könnte seine Antwort energischer kaum sein. „Das, und nichts anderes, war mein Traum.“ Man bekommt enormen Respekt vor Nuss, wenn er seine Stimme so nachdrücklich einsetzt. Denn eigentlich wirkt der junge Mann ganz unscheinbar, spricht in einem ruhigen, fast leisen Ton. Ein Gesicht, das man auf der Straße vielleicht sogar übersehen würde, weil seine Gesichtszüge von einer Bescheidenheit geprägt sind, die für Arroganz und Selbstinszenierung keinen Platz lassen. Nicht zuletzt deswegen wollen die Abbildungen in Cover und Booklet so gar nicht zu Nuss passen, zeigen sie doch eher einen abgezockten Business-Man, voll von Egozentrismus und Selbstüberschätzung.

Doch wenn es dann ums Klavier spielen geht, will Benyamin Nuss keine falschen Zweifel aufkommen lassen und sich richtig eingeschätzt wissen. Hört man ihm gerade an diesen Stellen aufmerksam zu, gibt er auch ungeahnte Einblicke in sein Leben. Sie klingen nicht wie vom Fliesband, als hätte er sie zum tausendsten Mal wiederholt, sie klingen echt, wahrhaftig und ernst gemeint.

Konsole und Klavier schließen sich nicht aus

Kein Wunder angesichts seines Werdegangs als Pianist: Sobald seine Finger stark genug waren, klimperte Benyamin Nuss auf dem Klavier seines Vaters herum, kein geringerer als der 1. Posaunist der WDR Big Band Köln, Ludwig Nuss. Während sein Vater das hauseigene Klavier hauptsächlich zum Komponieren benutzte, wollte sein Sohn erst einmal spielen lernen. Dass der erste Unterricht dann auch bereits im sechsten Lebensjahr erfolgte, ist da nicht mehr schwer zu verstehen. Doch in das Klischee eines Junggenies, dem es nur darum geht, die großen Namen spielen zu können, will Benyamin Nuss nicht passen.
Denn Musik findet in dieser Zeit nicht nur am Klavier statt. An der Konsole ist es zum Beispiel „Final Fantasy VII“, mit dem er aufwächst. Zuständig für die Musik des legendären Videospiels: Der Japaner Nobuo Uematsu. Wie war das doch gleich mit großen Namen? Spaß beiseite; sei es Debussy oder Ravel, die den jungen Heranwachsenden unter der Woche begleiten – Uematsus Musik bleibt nicht die Unterhaltungmusik zum Rollenspiel-Gaming am Wochenende. „Die japanische Kultur um diese Dinge hat mich nach und nach immer mehr gefangen genommen“, erzählt mir der Jungpianist, der selbst heute noch begeistert Manga liest und Anime schaut. Dass sich der junge Videospielliebhaber wohl nur zu gerne hat gefangen nehmen lassen, unterstreicht sein strahlendes Lächeln in diesem Moment. Doch Nuss hat sich davon keineswegs einlullen lassen und ließ sich die Chance nicht entgehen, mit Uematsus Musik mehr zu machen, als sie nur zu konsumieren. Er packte die Gelegenheit beim Schopf etwas Neues zu kreieren. „Ich wollte auf keinen Fall die Millionste Einspielung von Liszt oder Beethoven liefern“, betont er nachdrücklich, kurz bevor das Konzert in Kaiserslautern beginnt. In diesen Stunden will er sie nämlich vorstellen, seine CD, die er „Nuss plays Uematsu“ genannt hat.

Zaghaft huschen die Finger des 21-Jährigen beim „Prolouge“ wenig später über die Tasten. Es ist die Suite des Spiels „Lost Odyssey“, die ins Ohr dringt. Es ist so still, dass selbst das Einatmen eines Gastes deutlich zu hören ist. Grazil wie ein Reh bahnen sich die Klangwellen ihren Raum. Alles Unklare, Verwirrende am Anfang eines jeden Videospiels wird plausibel. All diese Fragen „Wer bin ich?“; „Wo bin ich?“; „Was ist meine Aufgabe hier?“ – Benyamin Nuss kann sie auch nicht beantworten, aber er kann sie nachfühlen und transportieren. Er sagt von sich, dass es ihm hilft die Spiele, deren Musik er präsentiert, auch selbst gespielt zu haben, um die Emotionalität des Moments verstehen zu können.
Doch wer nun glaubt dies erleichtere seine Aufgabe, täuscht sich. Denn es ist doch gerade das Bild des Spiels, das im Konzertsaal fehlt und das der junge Nuss trotzdem greifbar machen muss. Für all jene, die glauben, dies sei nur für die Jugend gedacht, stellt Nuss klar: „Ich will Musik für die jungen und die alten Gäste machen.“ Was er damit meint, ist: Um den genauen Hintergrund zu kennen, muss man die Spiele zwar selbst gespielt haben, aber wieso sollten nicht auch ältere Klassikfreunde, die fernab von Konsolen aufwuchsen, Kunst in diesen Kompositionen entdecken dürfen? Richtig, es gibt keinen Grund, nicht auch einen Rachmaninow im gewaltigen „A mighty enemy appears“ aus „Lost Odyssey“ oder einen Chopin im lyrisch-hoffnungsfrohen „Terra’s Theme“ aus „Final Fantasy VI“ herauszuhören.

Der neue Weg von Videospielmusik

In Kaiserslautern zeigt Nuss auch, dass Videospielmusik heute über die Zeiten des Atari-Spiels „Pong“ hinaus ist, in dem zwei Töne, die sich lediglich durch eine Sekunde voneinander unterschieden, alles Hörbare darstellten. „Rollenspiele sind inzwischen zu interaktiven Filmen geworden“, sagt Nuss und weiß dabei selbst um die Vielschichtigkeit, die er präsentieren muss, um dem gerecht zu werden. Fast gespenstisch ist es daher, mit welcher Leichtigkeit ihm dieser Quantensprung bereits in der Phantasie der „Final Fantasy VII“-Themen gelingt. Doch ihm liegt es mehr Anderen zu danken; zu bescheiden ist das junge Talent, um sich selbst in den Vordergrund zu drängen. Es sind Shiro Hamaguchi, dem er für seine japanisch-introvertierten Arrangements dankt, Alexander Rosenblatts „russiche Seele“, die ihm am Herzen liegt, Bill Dobbins’ Jazz und Jonne Valtonens orchestralen Klang, für die er voll des Dankes ist. Nobuo Uematsu dankt er gar mit einem eigenen Stück, das auch gar nicht anders heißen kann als „Nobuo’s Theme“: „Ich wollte im unbedingt ein eigenen Stück schreiben, um ihm zu zeigen, wie sehr ich ihn bewundere“, so Nuss. Er spielt dieses Stück mit geschlossenen Augen und einem Feuer im Herzen, sodass selbst die andächtige, zarte Melodie zu einem lauten Ruf in Nobuo Uematsus Ohr macht. Zarte Musik ist es, die im Wind dahinsaust; fast so, als würde Nuss selbst fliegen wie eine Feder.
„Ich könnte mir schon vorstellen selbst einmal Videospielmusik zu machen“, sagt mir Benyamin Nuss zum Schluss. Doch noch sieht er sich nicht so weit, will als Pianist wachsen, viele Facetten zeigen und sein Wissen erweitern. Viel hat er jetzt bereits erreicht, doch das ist ihm noch lange nicht genug – Gott sei Dank.

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